Kinder, Karriere und Klischees


Kinder, KarriereKinder, Karriere und Klischees —

Ist der Spagat zwischen Familie und Beruf heute ein Purzelbaum?

 

Elternzeit, Work-Life-Balance-Modelle mit flexiblen Arbeitszeiten und Arbeiten im Home Office…nie waren die Bedingungen für berufstätige Mütter und Väter besser als heutzutage. Aber wird es dadurch wirklich leichter, den Anforderungen von Familie und Beruf gleichzeitig gerecht zu werden? Ganz und gar nicht. Aus dem früher so gern zitierten Spagat zwischen Kind und Karriere ist inzwischen ein Purzelbaum geworden oder vielleicht auch ein Kopfstand, bei dem es einem schwindelig werden kann…und das für Mütter und Väter gleichermaßen. Dennoch: Mit viel Organisationstalent, Kreativität und Humor schafft man es trotzdem, (meistens) alles im Griff zu haben.

von Yasmine Limberger

Da sitzt er nun, der frisch gebackene Papa und betrachtet stolz das kleine Bündel auf seinem Arm: Release 1.0 – und mit dem Ergebnis ist er mehr als zufrieden. Bisher hat er hochkomplexe Software entwickelt, hat Schnittstellen und Systeme verbunden, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassten, hat mit Tools und Technik das Unmögliche möglich gemacht, hat erfolgreich IT-Projekte geleitet und Anwender mit neuen Systemen vertraut gemacht. Nun sitzt sein neuestes Projekt vor ihm und grinst ihn sabbernd an. Als technische Koryphäe und im Team stets anerkannter Experte wird er sich nun als Papa verdient machen, er wird das kleine Menschenwesen von seiner nassen Windel befreien und ihn auslaufsicher in eine neue verpacken, 60 ml wohltemperierte Babymilch verabreichen und den Sohnemann bei nächtlichen Schreiattacken wieder in den Schlaf wiegen. Er wird nach langer Analyse und Erstellung eines ganz neuen Pflichtenheftes erkennen, dass das Verhalten von Kindern oftmals einer eigenen Logik folgt, ABER es gibt immerhin eine. Man muss sie nur erst in entsprechende Einheiten zerlegen, den Alltag neu strukturieren und sich auf den neuen Ablauf einlassen: Wickeln, Schlafen, Wickeln, Essen, Kuscheln, Spielen und Neues entdecken und dann wieder Wickeln, Schlafen… Dieser neue Rhythmus passt jedoch nicht immer so perfekt zum Berufsalltag. Nach nur vier Stunden Schlaf mit ca. drei bis vier Unterbrechungen in der Nacht sitzt der junge Papa ebenso wie die Mama am nächsten Tag mit halboffenen Augen am Laptop und versucht, sich zu konzentrieren. Ach, wie schön ist es da doch, wenn auch Papa sich die Freiheit nimmt, für wenigstens zwei Monate in Elternzeit zu gehen und sich nach einer kurzen Nacht am Morgen einfach nochmal umdreht und bis zehn Uhr weiterschläft, danach total entschleunigt mit dem Sohnemann im Kinderwagen zum Einkaufen schlendert, auf einer Parkbank an einer Konversation mit anderen Eltern über die neuesten Sonderangebote im Babymarkt teilnehmen kann und am Nachmittag, wenn seine Frau bei der Babymassage ist, endlich mal wieder ein paar neue Programmiertools ausprobieren kann.

Szenenwechsel: Die Elternzeit ist lange vorbei

Der kleine Spross ist mittlerweile zwei Jahre alt und kann aufgrund eines ansteckenden Magen-Darm-Virus heute nicht in den Kindergarten gehen, dann sitzt Mama oder eben auch Papa mit Kind auf dem Schoß im Home Office und nimmt an einer einstündigen Telefonkonferenz teil – arbeiten kann man heutzutage ja schließlich überall. Nach fünfzehn Minuten ist das Auffangvolumen der Windel überschritten und Mama/Papa verbringt die restlichen 45 Minuten der Telefonkonferenz mit nassem Bein, umgeben von einem wenig gemütlichen Raumduft. Die Kollegen merken davon zwar nichts, aber man selbst ist nicht ganz bei der Sache und sehnt sich nur das schnelle Ende der Konferenz herbei.

Nochmal Szenenwechsel: Release 1.0 feiert seinen vierten Geburtstag, Mama ist sichtbar in froher Erwartung von Release 2.0, Papa hat sich extra für die Geburtstagsfeier seines Sohnes freigenommen. Die ganze Familie, samt Oma, Opa, Nachbarn, Freunde… alle sitzen am Tisch und freuen sich auf den Geburtstagskuchen. Da klingelt das Handy. Über das Smartphone hat Papa vorhin schon die Eskalations-E-Mails gelesen. Bei einem Kunden ist das System ausgefallen, der First Level Support kommt nicht weiter, es ist dringend ein Entwickler gefragt, der sich mit dem System auskennt. Da Papa seit dem privaten Releasetermin gelegentlich im Home Office arbeitet, wissen die Kollegen nicht, ob heute ein Home-Office- oder ein Urlaubstag ist. Natürlich hat man eine Abwesenheitsnotiz in Outlook eingerichtet, aber da dies ja ein Notfall ist und das Home Office ja bestens ausgestattet ist, um mal eben für ein oder zwei Stunden die Welt zu retten, hat man eben doch nicht frei, wenn man eigentlich frei hat. Die Familie wirft einem einen kritischen Blick zu, der Sohnemann ist gerade dabei die vier Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auszupusten, da wird Papa in diesem historisch wichtigen Moment ja wohl nicht ans Handy gehen. Und genau an dieser Stelle beginnt nun die Dramatik, das schlechte Gewissen auf beiden Seiten. Einerseits will man am Familienfest voll und ganz teilnehmen, andererseits will man die Kollegen nicht hängenlassen, den Chef nicht enttäuschen und seine Einsatzbereitschaft demonstrieren. Was also soll man tun?

In einer Arbeitswelt, in der sich der Arbeitsplatz und die Privatsphäre immer mehr vermischen, in der Kollegen auch Freunde sind, das Sofa zum Schreibtisch wird, da kreuzen sich auch die Anforderungen auf beiden Seiten. Ein Spagat ist nicht mehr nötig, da ja beide Seiten oftmals dicht beinander liegen. Vielmehr macht man täglich Purzelbäume und rollt im Strudel beider Seiten hin und her, oftmals sind aber auch Kopfstände und persönlicher Verzicht auf Freizeit nötig, um alles möglich zu machen. Ist das Kind gegen 20 Uhr endlich im Bett, wird der Rechner wieder eingeschaltet, E-Mails beantwortet, Präsentationen und Spezifikationen bearbeitet. Dabei hätte man den Abend auch einfach mal gern auf dem Sofa verbracht und den neuen „Tatort“ angeschaut oder wäre mit dem besten Freund in die neu eröffnete Lounge gegangen. Das sind die Opfer, die Mann/Frau bringen muss, um Kind und Karriere zu vereinen. Der Tag hat nur 24 Stunden und immer wieder bekommt man zu hören, dass sich mit einem Kind das ganze Leben verändert. Das kann man so nicht sagen, das ganze Leben nicht, nur das halbe. Der Anteil, den man früher einfach mal für sich selbst hatte, der wird immer kleiner. Dennoch sollte man darauf achten, auch zur Familie und zum Beruf noch einen Ausgleich zu schaffen und sich kleine Freiräume zu erhalten. Hierbei bedarf es natürlich der Unterstützung durch den Partner, einen Babysitter oder auch Oma und Opa, die gelegentlich einspringen, damit man auch mal wieder Zeit für sich selbst hat. Und damit ist nicht Zeit zum Arbeiten gemeint. Manchmal muss man konsequent das Handy und den Rechner ausschalten, um selbst mal abschalten zu können.

Aber hat der Chef dafür Verständnis?

Und wie akzeptiert ist die Elternzeit für junge Väter bei den Arbeitgebern wirklich?

Bisher nehmen laut Statistischem Bundesamt gerade mal 25 Prozent der Väter die Elternzeit in Anspruch. Muss man mit Karrierenachteilen rechnen, wenn man sich ein paar Wochen aus dem Job zurückzieht, um sich auf die neue Familiensituation einzurichten und sich einmal ganz seinem Kind widmen zu können? Hat es langfristige Konsequenzen, wenn man das gemeinsame Schwimmen mit dem Sohn am späten Nachmittag einem Abteilungsmeeting vorzieht? Kann man es sich erlauben zu sagen, dass man heute mal sein Kind früher vom Kindergarten abholen muss oder einen Tag freinehmen möchte, weil die Tochter krank ist? Das ungute Gefühl, einen schlechten Eindruck zu erwirken, wenn man offen zeigt, dass die Familie vorgeht, ist zumindest bei den meisten Vätern und Müttern allgegenwärtig. Und in der Tat zeigen sich Vorgesetzte heute zwar generell offen gegenüber Elternzeit und flexiblen Arbeitszeiten, setzen dies jedoch häufig aber auch mit einen organisatorischen Mehraufwand gleich. Für die Zeit der Abwesenheit muss ein Ersatz einspringen, dies ist gerade bei Führungspositionen nicht leicht. Kommt ein Kollege in Teilzeit zurück, muss die Arbeit neu verteilt werden, ohne dass sich die anderen Kollegen überfordert fühlen. Väter, die in Elternzeit gehen bzw. aus der Elternzeit zurückkommen, befürchten wiederum oft, dass das Neuordnen der persönlichen Prioritäten gleichzeitig mit einer geringeren Einsatzbereitschaft im Job gleichgesetzt wird. Viele Väter halten daher die Elternzeit mit einem Zeitraum von ein bis zwei Monaten bewusst kurz, um den Anschluss nicht zu verpassen und ihren beruflichen Status mit der verbundenen Verantwortung nicht abzugeben. Was aber ist nun das Rezept für eine Balance zwischen harmonischem Familienleben und Erfolg im Beruf?

Zuerst sollte man sich überlegen, wie man „Karriere“ für sich selbst definiert

Karriere bedeutet zunächst ja nur „berufliche Laufbahn“, einige setzen Karriere mit steigender Verantwortung und der Größe des Teams, das man führt, gleich, andere wiederum möchten einen hohes Gehalt und Freiräume sowie flexible Arbeitsbedingungen im Job genießen. Hat man einen gewissen „Level“ erreicht, ist es für viele ausreichend, diesen Level zu erhalten und sich vor allem inhaltlich weiterzuentwickeln. Alles ist auch mit Kind und Familie möglich. Je höher die Erwartungen an die Karriere, um so mehr muss man aber eben meist auch bereit sein, seine persönliche Zeit zu opfern. Da Zeit heute oft wichtiger gewertet wird als Geld, vor allem, wenn das Gehalt schon eine bestimmte Ebene erreicht hat, geben sich viele ITler auch langfristig mit einer reinen Entwicklerrolle ohne Teamführungsverantwortung zufrieden. Letztlich geht es ihnen vielmehr darum, weiterhin als technischer Experte anerkannt zu werden und bei Innovationen vorne dabei zu sein. Zudem möchte man, dass die eigene Arbeit und Leistung auch anerkannt wird. In unserer modernen Arbeitswelt sollte dabei nicht entscheidend sein, wie viele Stunden man im Büro verbringt, sondern die Ergebnisse müssen exzellent sein und „in time“ und „in budget“ abgeliefert werden. Dass das für einen Familienmenschen auch mal Nachtschichten mit sich bringt, wird ebenso akzeptiert, wie die Tatsache, daß man an seinem freien Tag bei einem dringenden Notfall angerufen wird und einspringen muss. Flexibilität ist also auf allen Seiten gefragt: beim Mitarbeiter, bei der Familie und beim Arbeitgeber.

Um letztlich seinen Familienalltag mit dem Berufsalltag so gut wie möglich in Einklang zu bringen, bedarf es einem hohen Maßes an Organisationstalent, Kreativität und auch der Eigenschaft, die Dinge etwas gelassener und mit Humor anzugehen. Kinder sind echte Gewohnheitstiere und brauchen einen für sie vorausschaubaren Tagesablauf. Das bringt ihnen innere Sicherheit und Ruhe. Aber nicht immer läuft alles nach Plan und je größer das Improvisationsvermögen ausgeprägt ist, umso souveräner kann man mit den unvorhergesehenen Dingen, welche die Balance stören könnten, wie „Kind wird krank und kann nicht in den Kindergarten gehen“ oder „Geschäftsreise fällt genau auf den Kindergeburtstag“ umgehen.

So sieht das „Geheimrezept“ für Kind und Karriere also aus

(zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie bitte die Autorin):

1.)     Sprechen Sie die Absicht, in Elternzeit zu gehen, rechtzeitig mit dem Vorgesetzten und den Kollegen ab. Erarbeiten Sie gemeinsam einen Vertretungsplan und definieren Sie klar Ihre Rolle vor und nach der Elternzeit.

2.)     Nehmen Sie familiäre Termine genauso wichtig, wie geschäftliche Termine, bei denen Ihre Anwesenheit notwendig ist. Wenn Sie Einfluss darauf haben, legen Sie regelmäßige Abstimmungstermine auf eine Zeit, die einigermaßen familienfreundlich ist, also nicht gerade am späten Freitagnachmittag oder so früh am Morgen, dass Sie nicht noch Ihr Kind in den Kindergarten bringen können.

3.)     Schaffen Sie sich persönliche Zeitfenster als Ausgleich zwischen Beruf und Familie. Treiben Sie Sport, treffen Sie sich mit Freunden, gehen Sie mit Ihrer Partnerin/Ihrem Partner ins Kino… Blocken Sie mindestens einen „Ich-Termin“ pro Woche. Tragen Sie „Ich-Termine“ in Ihren Kalender ein und verpassen Sie diesen Termin ebensowenig wie andere wichtige Termine. Spannen Sie Eltern oder einen Babysitter ein, um diese persönlichen Zeitfenster zu ermöglichen.

4.)     Halten Sie den Anspruch an Ihre eigene Arbeitsqualität hoch. Zeigen Sie Ihrem Chef, dass er sich immer auf Sie verlassen kann, auch, wenn Sie aufgrund Ihrer neuen Familiensituation evtl. physisch nicht mehr so oft präsent sind und die Abende im Büro verbringen. An ihrer Kompetenz und Integrität hat sich nichts geändert. Zeigen Sie sich flexibel, aber dennoch konsequent. Gelegentliche Überstunden sind okay, aber eben nicht die Regel. Zudem gibt es Tageszeiten, zu denen man nicht erreichbar ist.

5.)     Arbeiten Sie weiterhin teamorientiert! Unterstützen Sie Kollegen in Hochphasen, dann können Sie auch damit rechnen, dass die Kollegen mal für Sie einspringen, wenn Sie aus familiären Gründen mal früher weg müssen.

6.)     Behalten Sie Ihre Karriereziele weiter im Blick bzw. passen Sie Ihren Karriereplan Ihrer persönlichen Präferenz entsprechend an. Besprechen Sie Ihre kurz- , mittel- und langfristigen Karriereziele mit Ihrem Vorgesetzten und halten Sie diese in einem persönlichen Karriereplan fest.

7.)     Sorgen Sie für Routine. Strukturieren Sie die Arbeitstage nach einem gewohnten Ablauf. Planen Sie morgens ausreichend Zeit für das gemeinsame Frühstück und die Vorbereitungen für den Kindergarten/die Schule ein und kommen Sie regelmäßig abends pünktlich nach Hause, um mit der Familie zu Abend zu essen und am Abendritual „Kind-ins-Bett-Bringen“ teilnehmen zu können. Kinder haben kein Zeitgefühl und verstehen es, Ihren Plan ganz spontan zu ändern, vor allem, wenn Sie drängeln! Halten Sie dennoch Ihren Rhythmus so gut es geht ein.

8.)     Bleiben Sie locker! Nehmen Sie die Dinge mit Humor vor allem, wenn mal alles drunter und drüber geht. Wenn Sie im Chaos die Nerven verlieren, wird alles noch schlimmer. Nehmen Sie gelegentlich Chaos hin und räumen Sie bei passender Gelegenheit alles wieder in Ruhe auf bzw. bringen Sie wieder Ordnung in Ihr Leben und Ihre Wohnung, sobald es die Situation zulässt.

9.)     Tauschen Sie sich mit anderen Eltern aus. Gerade als frischgebackene Mama oder Rookie-Papa tut es gut, sich in einer konspirativen Selbsthilfegruppe regelmäßig von anderen berufstätigen Eltern darin bestätigen zu lassen, dass alle die gleichen Probleme haben. Erfahrene Eltern geben sicher auch hilfreiche Ratschläge und Erziehungstipps. Halten Sie sich aber unbedingt von Eltern fern, die mit Wunderkindern gesegnet sind oder die Sie mit ultimativen Aussagen verunsichern, wie: „Also, unser Kind bekommt keinen fertigen Babybrei aus dem Gläschen, bei uns wird alles selbst gekocht. Sonst muss man sich ja nicht wundern, wenn die Kleinen nachts nicht schlafen können vor Bauchweh.“ Verlassen Sie sich lieber auf Ihr eigenes Bauchgefühl.

10.)  Und zu guter Letzt: Langweilen Sie Ihre Kollegen nicht mit übertriebenem Elternstolz. Sicher können Sie auf  Nachfrage gerne das eine oder andere Fotos Ihres Stammhalters zeigen, das Sie in Ihrem Smartphone gespeichert haben. Aber sein ganzes Büro mit Familienbildern zu tapezieren, hat eher etwas von einem pubertierenden Fan, der sein Zimmer mit Fotos von Popstars dekoriert. Auch sollte man noch in der Lage sein, beim Mittagessen mit Kollegen abwechslungsreiche Konversationen zu führen und zum aktuellen Weltgeschehen eine Meinung beziehen zu können, anstatt die Kollegen ständig damit zu behelligen, was der Nachwuchs schon alles kann. Balance zwischen Beruf und Familie heißt eben auch, dass beide Seiten auf der Waage faktisch getrennt bleiben und wenn Arbeits- und Privatwelt immer mehr verschmelzen.

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